© JOURDA Architectes
Gepardo (Textes)

Das Industriezeitalter ist seit einigen Jahrzehnten abgeschlossen. Die Tage der Massenfabrikation, der Reproduktion von Objekten, die doch für den Einzelnen, das Individuum hergestellt werden, sind gezählt.
                Zwei entscheidende technische Innovationen verändern heute unsere Art, Produkte zu entwerfen und zu produzieren, tief greifend, unabhängig von deren Größe und Funktion: zum Einen die Miniaturisierung, und zum Anderen die enorme Leistungsfähigkeit unserer Computer.
                Die Miniaturisierung reduziert die sperrige Mechanik von früher auf wenige Quadratzentimeter oder –milimeter. Unglaubliche Nutzungsmöglichkeiten ergeben sich mit wenigen Kubikzentimetern hoch entwickeltem Material, das aus hauchdünnen, für das menschliche Auge nicht sichtbaren Schichten besteht, und dennoch multiple Informationen zeitgleich verarbeiten kann.
                Waren Computer früher noch groß und kostspielig, so können heute überaus komplexe Strukturen berechnet werden, ohne dass ein Heer von Rechnern und Kilometer langes Papier erforderlich sind. Diese Computer gestatten das Entwerfen, die Visualisierung und die strukturelle Berechnung von extrem komplexen Formen, die kaum darstellbar sind und sonst nur in der Vorstellung des Schaffenden existieren, und sie steuern bei der Serienerstellung des Produkts den Fabrikationsprozess. Durch die Veränderung eines Parameters, einer Abmessung oder des Abstandes zweier Elemente wird die Entwicklung eines Objektes in keiner Weise mehr in Frage gestellt. Seine neue Form, seine Qualität und sogar seine Herstellungskosten werden automatisch in extremer Geschwindigkeit neu berechnet.
                Anstelle einer komplexen, groß dimensionierten mechanischen Struktur sind unsere Objekte heute auf die kleinstmögliche, der Nutzung noch entsprechenden Größe reduziert. Oft müssen Objekte vergrößert werden, um an das angepasst zu werden, was die Hauptbeschränkung ist: das menschliche Maß, die Länge seiner Finger, die Größe seiner Füße. Im Inneren einer Form, die auf die menschliche Hand zugeschnitten ist (wie z.B. ein Mobiltelefon) verliert sich oft das vormals mechanische und heute elektronische Innere – ein winzig kleines Element in einer fast leeren Hülle, deren Größe von den Dimensionen unserer Gliedmassen bestimmt wird.
                Die Biotechnologie geht noch weiter: sie hebt die Grenzen von natürlich und künstlich auf und schafft eine Symbiose zwischen dem Organischen und dem Mechanischen. Unsere Körper sind nicht mehr ausschließlich organisch, und auch unser Mechaniken werden bald von lebenden Teilchen gesteuert. Die Grenze wird fließend, die Vorstellung vermischt die beiden Gattungen.
                Die Mechanik in den Domänen Architektur und Design ist tot. Der Hightech der 70er und 80er Jahre macht keinen Sinn mehr. Der Schwanengesang des industriellen Zeitalters. Das glatte Objekt ist da; es verbirgt in seinem Inneren, für das Auge unsichtbar, eine hoch entwickelte Technologie.

                Aber das Objekt ist nicht starr. Es bewegt sich, verformt sich, reagiert auf Impulse, so als würde es schnell (er)lernen, was man von ihm fordert. Sein Äußeres, seine Form, sein Material steht nicht in Zusammenhang mit seiner Funktionsweise. Es reagiert vielmehr auf den Menschen, auf seine Größe, seine Aktivitäten, seine Persönlichkeit und seine Wünsche.
                Das Design gibt nicht mehr die mechanischen Anstrengungen bei seiner Verarbeitung wider, sondern es reagiert auf seine Nutzung, zu einem Zeitpunkt T und für die Funktion F. Man streift es leicht, und es fährt zurück. Man berührt es, und es bewegt sich. Man lehnt sich dagegen, und es verformt sich. Man setzt sich darauf, und es breitet sich aus.
                Gepardo hat diese Eigenschaften. Man versteht nicht warum oder wie sich die Rückenlehne an den Körper anpasst. Alles ist verborgen, man sieht lediglich eine schlichte geometrische Form und ein neutrales, feines, weiches Material, die dem Komfort des Menschen dienen und nicht Ausdruck der Technologie sein soll, die ihn gleichwohl erst möglich macht.
                Jeder Stuhl kann einzigartig sein, eine ergonomische Verlängerung für jeden Körper, der endlich jedem einen dem Körperbau entsprechenden Komfort bietet und die Persönlichkeit des Sitzenden ausdrückt, ohne sie in die Normen des durchschnittlichen Körpers von Mitteleuropäern zu zwängen.
                Es ist nicht mehr ein Stuhl mit Sitzpolster und Rückenkissen, es ist eine Schwinge, eine weiche Schale, ein Blatt, das sich verformt oder eher sich formt, um den Körper zu umarmen und ihn zu stützen. Diese Schwinge ruht auf einem Sockel, der ein solider Halt ist und die Verbindung zum Boden schafft, angepasst and die Oberfläche, auf der er steht oder rollt. Die Schwinge hat Verzweigungen, Verlängerungen, zierliche Verbindungstücke, die sich daran anbinden, sich verformen, verlängern, sich senken oder heben um stets in Verbindung zum Träger zu bleiben, der unverformbar bleibt.
                Die Geschmeidigkeit und der Komfort der Schwinge, die Stabilität und die Sicherheit des Fußes, die Anmutigkeit und Beweglichkeit der Verzweigungen vereinigen sich in Gepardo, um ihn zum ersten Stuhl zu machen, der sich endlich den Bewegungen anpasst und dem Körperbau des Menschen, der Menschen.

retour (textes)
            contact