Ich habe deshalb akzeptiert, den folgenden kurzen Text über die Berücksichtigung der Armut in meinem Beruf als Architektin und Professorin zu schreiben, weil das Thema a priori den Sorgen derjenigen völlig fremd zu sein scheint, die für diejenigen, die Geld dafür haben, bauen. „Armut“ ist ein Wort, das misstrauisch macht, weil es uns auf unsere eigene Schuld hinweist, darauf, dass wir reich sind, und weil wir durch unsere schöpferische Arbeit den Reichtum derjenigen, die schon alles haben, zu mehren versuchen.
Der Beruf eines Architekten ist genau genommen ziemlich neu und befindet sich heute mitten im Umbruch. Der „Homme de l’Art“ soll zuerst den Wunsch des Fürsten erfüllen. Er ist der Fachmann, der die törichtesten Ideen des Monarchen bzw. des Kirchenmannes ermöglichen und ihre Bestellungen als Spezialist erfüllen soll. Auch wenn er zum Beispiel ein Hospiz für die Ärmsten bauen soll, wird er vom Aristokraten bzw. von der religiösen Kongregation beauftragt, von Personen bzw. Institutionen also, die über die erforderlichen Mittel verfügen, um die Handwerker, die Baustoffe und den „Homme de l’Art“ zu bezahlen. Der Homme de l’Art erfüllt die Wünsche der Auftraggeber und nicht spezifisch die der Benutzer, der „Armen“ oder der „Kranken“, die das von ihm entworfene Gebäude beherbergen wird.
Wenn er diese Art von Rücksichtnahme zeigt, geschieht dies in Eigenverantwortung und unter dem Vorbehalt, dass die Orte, die er entwirft, dem Baukanon der Zeit entsprechen und zudem eine Hommage an denjenigen darstellt, der durch seinen Bauauftrag seine Zeit prägen und damit Spuren seiner Macht und manchmal auch seines Größenwahnes hinterlassen wollte. So hat sich auch oft der Architekt einer monarchischen, kaiserlichen oder despotischen Tradition in einer Schöpfung zur Ehrung der Macht kompromittiert, einer Macht, die sich manchmal nur wünscht, ihre Größe in Stein, Marmor und Holz einzuschreiben.Obwohl die Arbeit des Architekten gleichfalls eine künstlerische Arbeit und seine Rolle vor allem die eines Fachmannes, eines Experten ist, schafft er nur aufgrund eines Auftrags, dem er dann unterworfen ist. Fern von ihm ist die Freiheit von Malern, von Graveuren, sogar von einigen Bildhauern, die alleine in ihren Ateliers Werke schaffen, die eine andere Vorstellung als die eines Auftraggebers bezeugen. Er kann sich deshalb nur durch den Wunsch des Anderen ausdrücken, der nicht der Benutzer und selbstverständlich nicht arm ist. Selbst die Bauten der Utopisten, die eine andere Weltanschauung als die der Zeit entwickeln, entstammen dem Traum eines mächtigen und vor allem wohlhabenden Fürsten, Großindustriellen oder Politiker.
Die Neuzeit hat die Macht der Fürsten aufgelöst. Mit der Einsetzung der Demokratie in unsere Gesellschaften konnte sich der Architekt mit der Erfüllung der Wünsche von Anderen als den Mächtigen beschäftigen. So entstehen zum Beispiel die Sozialwohnungen, die den Arbeitern der Großstädte des Industriezeitalters akzeptable Wohnungen beschaffen. Danach kommen die Notwendigkeiten, die einstigen Bewohner der Kolonien unterzubringen. Diese Ziele bleiben dennoch alle in der Hand der Macht und sind nicht der Wunsch des Entwerfenden, des Architekten, dessen anerkannter Wert die Zügigkeit sein wird, mit der er seine Pläne ausführen und die Baustelle kontrollieren wird. Er bleibt trotz allem der Mann im Dienst der Macht, die manchmal sozialistisch oder humanistisch, aber auch manchmal totalitär ist.
Die einzige Grenze zur Mitarbeit des Architekten ist jene, die er sich individuell gibt, in seiner Entscheidung oder auch Verweigerung dazu beizutragen, dass Gebäude errichtet werden, deren Zweck er akzeptiert bzw. ablehnt. Heute sind die Gebäude Konsumgüter geworden – bestimmt durch reinen Handelswert, weit entfernt vom Gebrauchswert. Einst als die Konstruktion Erbwert hatte, konnte die Baukunst, die Arbeit des Künstler-Fachmanns einen beachtlichen Mehrwert einbringen, der den unmittelbaren Gebrauch überstieg und damit solche Anwendungsbegriffe wie Gemütlichkeit, Licht, Raum, Schönheit, Ausgewogenheit, berührte, Anwendungsbegriffe, die sich für den Menschen und sein Wohlergehen und damit für alle Menschen, die Reichsten wie die Ärmsten, interessieren. Die kurzfristige Rentabilität der Baubranche, schnell abgeschriebene Konsumprodukte zu erzeugen, raubt noch mehr den humanistischen Wert der Arbeit des Architekten, der dennoch durch all seine Projekte beitragen sollte, eine bessere Welt zu bauen.
Der Architekt ringt zwischen zwei Einstellungen, zwei Archetypen: der des Humanisten, der sich bemüht, die Bedürfnisse einer Gesellschaft im Ganzen zu betrachten, die Reiche wie Arme umfasst, und der entschlossen ist, durch seine Projekte die Lebensbedingungen seiner Zeitgenossen zu verbessern; und der des Künstlers, der durch seine Schöpfung vom Anderen isoliert ist und damit beschäftigt ist, seine eigene Phantasie zu entfalten, und der Zeuge seiner Zeit ist, ohne ein Sozialakteur zu sein.
Die Architekten, die für die Studenten Bezugspersonen sind, gehören der zweiten Klasse an. Der soziale Diskurs hat keinen Platz mehr unter den Rechtfertigungsgründen ihrer Projekte – auch nicht der Diskurs über Armut… Dennoch ist das Ansteigen von Armut in unseren abendländischen Gesellschaften überall im Alltag sichtbar und kann uns nicht gleichgültig lassen. Aus Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre, aus der „Arte Povera“, aus dem Minimalismus entwickelten sich bestimmte Denkschulen und Architekturstile mit einer Betonung von so genannten Mittelersparnissen, der Einschränkung der Materialmenge, manchmal auch der Wiederverwendung von gebrauchten Baumaterialien, Verwendung von einfachen und „armen“ Rohstoffen. Es ist dabei schwer zu bestimmen, ob es sich um glatte Gegenstände ohne Schmuck, oft unbequem, um als Bettler verkleidete Werke des Kapitalismus, oder um Zeugen der Fähigkeit, Raum mit fast nichts zu erzeugen, handelt. Die ästhetische Schule bezeugt eine bestimmte Denkweise eines Schöpfers, welche die äußeren Zeichen von Überfluss ablehnt.
Ist es der einzige Ausweg aus einem wahren Schuldgefühl oder eine abartige Abweichung? Handelt es sich um den Willen zur Vereinfachung, um den Willen des Sparens oder des Banalisierens, um ein Kaschieren von Überfluss, um Überfluss akzeptabel zu machen?
All diese ästhetischen Schulen tauchen nicht ohne Grund auf. Sie bezeugen auf jeden Fall eine Infragestellung der Architekturliteratur und erlauben vielleicht, eine der Mittelknappheit entsprechende Einfachheitsästhetik auszuarbeiten. Diese ästhetische Schule könnte vielleicht mit der Zeit eine „mittellose“, mit geringem Budget operierende Bauproduktion aufwerten, mit dem Ziel, die Ärmsten unserer Gesellschaften unterzubringen, ohne deswegen die Gebäude als „Gebäude der Armen“ zu planen.
Aber müsste man nicht „reich“ für die „Armen“ bauen? Ist die Armutsästhetik, der und den Architekten und ihren Auftraggebern das Schuldgefühl nimmt? Oder ist es der erste Schritt hin zum Ausarbeiten einer Handschrift der Frugalität, der Notwendigkeit, einer Handschrift, die sich bemühen würde, dadurch die Grundbedürfnisse zu erfüllen, dass es die Proportionen, das massive Mauerwerk und die Leerräume, die Zusammensetzung des Materials, das Licht mehr hervorhebt? Eine mehr universalistischere, soziale Lesart der Architektur? Die Frage ist noch offen... Wie dem auch sei, in unseren Gesellschaften tut der Architekt wenig für die am meisten Not Leidenden. Es kommt selten vor, dass er durch seinen Beruf dazu beitragen kann, das Leben der von Armut Betroffenen zu verbessern, außer vielleicht beim Bau von Sozialwohnungen (diese allerdings beherbergen die Ärmsten gar nicht).
Einige engagieren sich in humanitären Vereinen, intervenieren freiwillig in Notfällen und im Fall von Naturkatastrophen (Erdbeben, Hochwasser). Verlangt werden das Fachwissen des Architekten und seine Fähigkeit, den Raum zu gestalten. Diese Aktionen aber bleiben vereinzelt und werden wenig geschätzt. Außer im Fall der (provisorischen oder definitiven) Wiedererbauung von Städten, die durch diese Katastrophen zerstört worden sind, bei der das Handeln eines allgemeinen Bauexperten verlangt wird, ist die Architektur ein Luxus, den sich die Ärmsten nicht leisten können. In den Entwicklungsländern Ländern genügt oft die dem Klima und den Ortmitteln angepasste Bautradition, um den Bewohnern und den Unternehmen das notwendige Know-how zu geben, damit sie ihre Wohnstätten bauen oder wiederaufbauen können.
Was bleibt also den Architekten, damit sie zur Armutsbekämpfung beitragen können, außer den persönlichen politischen und humanitären Handlungen? Die direkte Aktion scheint unmöglich zu sein, aufgrund der Natur des Berufs des Architekten, der von einer Auftraggebung abhängt, die entweder der Politik oder dem Kapital zugehört. Es bleibt aber ein indirekter Weg, der unsere Denkweisen erschüttern kann: der Weg der nachhaltigen Entwicklung: Wenn jedes Gestaltungsprojekt, jede Konstruktion Geist und Buchstabe der Richtlinien von Kyoto und von anderen Regierungsgipfeln über die Zukunft der Welt achten würde, wenn sich jeder Fachmann die Verantwortungen bewusst machen würde, die er in seiner Arbeit der Umwelt und der Mitwelt gegenüber übernimmt, wäre das ganz gewiss, sogar langfristig, ein Schritt hin zur Wiedergewinnung eines Gleichgewichts der gesundheitlichen und kulturellen Ressourcen und Lebensbedingungen aller.
Als Architektin und Professorin scheint es mir in meiner Verantwortung zu liegen, meine Kollegen und Studenten zu überzeugen, dass jede technische oder schöpferische Geste eine breitere Reichweite als die unmittelbare Umwelt hat, dass jede auf eine Stadt gerichtete Handlung, jede Konstruktion bedeutend ist und den Respekt oder Nicht-Respekt vor dem Anderen, auch vor dem Ärmsten bezeugt.